High Five auf das Leben
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Als sich die etwas abgegriffene Holztür in der dritten Etage des Wohnkomplexes in Amman öffnet, steht eine grossgewachsene Frau vor uns. Rashedas weisses Gewand hebt sich strahlend vom dunklen Raum dahinter ab. Direkt vor ihr kniet Sohn Mohammed. Niemand kommt an ihm vorbei, ohne ein schallendes «High Five» zur Begrüssung. Hammed, wie er liebevoll genannt wird, gluckst bei jedem Abklatschen vor Freude und grinst über beide Ohren – genau wie seine Mutter.
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Trotz der Herausforderungen, denen sich Rasheda, ihr Ehemann und die fünf Kinder tagtäglich stellen müssen, ist die Stimmung fröhlich. Doch das war nicht immer so. Finanzielle Nöte, Krankheiten und die Betreuung des siebenjährigen Sorgenkinds Mohammed, der genau wie seine beiden älteren Geschwister Lumol, 8, und Daniele, 12, stark hörgeschädigt ist, belasteten die Familie sehr. «Ich war verzweifelt, weil ich mich nicht mit meinen Kindern unterhalten konnte», erzählt die 40-Jährige. «Lumol und Daniele haben die Gebärdensprache an ihrer Schule für Hörgeschädigte gelernt, aber ich wusste nicht, was sie mir sagen wollten. Wie soll ich meine Kinder erziehen, wenn sie mich nicht verstehen?» Daran wäre Rasheda und mit ihr die ganze Familie fast zerbrochen.
Der Wendepunkt im Leben der Familie kam mit Medair. Gleich mehrere Massnahmen im Rahmen des Social Protection-Programms halfen dabei, die Situation deutlich zu verbessern. Medair ermöglichte Rasheda die Teilnahme an einem Gebärdensprachkurs, der die Frustration stetig abbaute und die Kommunikation innerhalb der Familie erleichterte. Stolz zeigt die Rasheda, welche Zeichen sie bereits gelernt hat. Sie hebt die Hand und klappt Ring- und Mittelfinger nach unten ab, sodass sie die Handfläche berühren. «Das heißt: Ich liebe Dich», erklärt sie. Etwas verlegen erwidern Lumol und Daniele den Liebesbeweis.
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Im Gegensatz zu seinen Geschwistern leidet Mohammed nicht nur an einer Hörschädigung, sondern auch an einer schweren körperlichen Behinderung und Epilepsie. Laufen kann er deshalb nicht. Er rutscht auf Händen, Knien und den Fussrücken durch die Wohnung. Tiefschwarz sind die Blutergüsse an den am meisten belasteten Stellen. «Ich muss mit Hammed oft zum Arzt. Da ich selbst grosse Schmerzen im Rücken habe, waren diese Besuche immer eine Qual für mich», berichtet Rasheda. «Dank Medair kann ich ihn nun damit zum Arzt bringen», sagt sie und zeigt auf den leeren Rollstuhl in der Mitte des Wohnzimmers. «Zuhause ist er aber lieber auf Knien unterwegs», lacht Rasheda und streicht Mohammed sanft über den Kopf.
Wie in den meisten Fällen, die Medair in Jordanien betreut, hat auch Rashedas Familie enorme finanzielle Schwierigkeiten und Mühe, Miete, Krankenhausbesuche, Ausbildung der Kinder und Essen zu bezahlen. Das Geld reicht nicht. Weil die Familie mit der Miete und Stromrechnung in Rückstand war, drohte ihnen der Rauswurf durch den Vermieter. «Sie haben uns einfach den Strom abgedreht. Medairs Bargeldhilfe hat uns geholfen, einen Teil der Rückstände zu begleichen», erzählt sie dankbar.
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Das Beste hat sich Rasheda aber bis zum Schluss aufgehoben. «Medair hat mir eine Ausbildung zur Näherin ermöglicht», sagt sie und verschwindet kurz im Schlafzimmer, während im Wohnzimmer noch die Lieblingszeichentrickserie der Kinder auf dem Fernseher flimmert. «Das habe ich vor zwei Wochen genäht», sagt sie und streicht mit ihren Händen über den Stoff, um ihre Arbeit hervorzuheben. «Schauen sie auf den Gürtel und die Stickereien darauf.» Man merkt ihr die Freude über die wohlwollenden Reaktionen der Gäste an. «Auch ich möchte dazu beitragen, meiner Familie ein besseres Einkommen zu verschaffen», sagt sie entschlossen und lächelt dabei.
Durch Medairs Unterstützung ist die Freude und Hoffnung in Rashedas Familie zurückgekehrt. «Wir haben noch viele Probleme, aber gemeinsam können wir es schaffen», sagt Rasheda. Darauf ein «High Five».
Mit Unterstützung des Deutschen Auswärtigen Amts, der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und privaten Spenderinnen und Spendern hilft Medair in Jordanien Flüchtlingen und gefährdeten Jordaniern durch Bargeldhilfe und massgeschneidertes Case Management.
Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.
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