Es war, als wäre ich neu geboren worden

Als Alain das Ebola-Behandlungszentrum (ETC) in Katwa im Osten der Demokratischen Republik Kongo betrat, war er überzeugt, seine Familie nie wiederzusehen. In seiner Gemeinde schürten Gerüchte über Ebola und die Behandlungszentren Angst und Misstrauen. Doch nur wenige Wochen später konnte er das Zentrum geheilt verlassen. Und mehr noch: Seine Geschichte überzeugte fünf Mitglieder seiner Familie davon, sich rechtzeitig behandeln zu lassen – und trug so dazu bei, ihr Leben zu retten.
Eine missverstandene Krankheit
Alles begann, als Alains jüngerer Bruder krank wurde.
„Als mein Bruder krank wurde, dachten wir, er sei vergiftet worden. Er hatte Durchfall, starke Bauchschmerzen und wurde von Tag zu Tag schwächer. Wir versuchten, ihn zu Hause mit Medikamenten und traditionellen Heilmitteln zu behandeln, weil wir überhaupt nicht an Ebola dachten. Wenn jemand in unserer Gemeinde krank wird, ist Ebola nicht das Erste, woran man denkt. Der Begriff wird mit Tod und Verschwörungen verbunden – das ist nicht gut.“
Doch der Zustand des jungen Mannes verschlechterte sich weiter. Nach langen Gesprächen innerhalb der Familie wurde er schließlich in das Allgemeine Krankenhaus von Katwa gebracht. Eine Woche später kam die Diagnose: Er hatte Ebola. Tragischerweise war er bereits gestorben, als das Testergebnis vorlag.
„Meinen Bruder zu verlieren, ohne wirklich zu verstehen, was mit ihm geschah, war einer der schmerzhaftesten Momente meines Lebens. Als die Ergebnisse nach seinem Tod kamen, standen wir alle unter Schock.“
Als Alain selbst krank wurde
Wenige Tage nach dem Tod seines Bruders bemerkte Alain auch bei sich beunruhigende Symptome.
„Zuerst war da die Erschöpfung, dann das Fieber. Ich versuchte, mir einzureden, dass es nichts sei. Ich nahm zu Hause Medikamente und versuchte, mich selbst zu behandeln. Aber die Krankheit schritt schneller voran, als ich gehofft hatte.“
Da Alain wusste, dass er engen Kontakt zu seinem Bruder gehabt hatte, befürchtete er das Schlimmste.
„Ich wusste, dass ich Kontakt zu meinem Bruder gehabt hatte. Ein Teil von mir hatte bereits Angst, dass ich Ebola haben könnte, aber ich wollte es nicht wahrhaben.“
Schließlich rief Alain selbst einen Krankenwagen, um zum von Medair unterstützten Ebola-Behandlungszentrum (ETC) in Katwa zu fahren. Wenige Tage später bestätigte das Testergebnis seine Befürchtung: Alain war positiv auf Ebola getestet worden.

„Ich dachte, ich würde ins Ebola-Behandlungszentrum gehen, um zu sterben“
Die Diagnose war für Alain niederschmetternd. Doch fast genauso große Angst wie die Krankheit selbst machten ihm die Gerüchte.
„Zu Hause sagten viele Menschen, dass das Ebola-Behandlungszentrum in Katwa ein Ort sei, an den Kranke gebracht würden, um getötet zu werden. Manche behaupteten sogar, niemand komme lebend zurück.“
„Ich hatte gehört, dass dort nachts ein Hammer benutzt werde, um Patienten zu töten. Es gab auch Gerüchte, dass das Essen im Zentrum vergiftet sei. Mit all diesen Geschichten im Kopf kam ich im Ebola-Behandlungszentrum in Katwa an und war überzeugt, dass meine letzten Tage gekommen waren.“
Seine Angst war so groß, dass er in den ersten Tagen seiner Behandlung kaum etwas aß.
„Sie brachten mir Essen, aber ich rührte es kaum an. Ich war überzeugt, dass sie mich vergiften wollten. Heute erscheint mir das unglaublich, aber damals habe ich wirklich daran geglaubt. Das Virus griff meinen Körper an, aber die Gerüchte griffen meinen Verstand an.“
Dann kam ein entscheidender Moment.
„Eines Tages sagte ich mir: Entweder glaube ich weiterhin den Menschen draußen oder ich gebe denen eine Chance, die versuchen, mein Leben zu retten. An diesem Tag änderte sich alles.“
Hinter der Schutzausrüstung: Menschen
Nach und nach beobachtete Alain die Gesundheitsmitarbeitenden um sich herum und entdeckte eine Realität, die ganz anders war als das, was er sich vorgestellt hatte.
„Hinter den Masken und der Schutzausrüstung erkannte ich Frauen und Männer, die ihr Leben riskierten, um unseres zu retten. Anders als ich es mir vorgestellt hatte, sah ich keine gefährlichen oder böswilligen Menschen, sondern engagierte Fachkräfte.“

Nach und nach entstand Vertrauen.
„Die Pflegekräfte nahmen sich Zeit, mit mir zu sprechen, mich zu beruhigen und meine Fragen zu beantworten. Nach und nach wurden sie zu meinen Freunden. Ihre Unterstützung gab mir die Kraft zurück, zu essen, die Behandlung fortzusetzen und wieder an meine Genesung zu glauben.“
Ein neues Leben
Mit jedem Tag liessen Alains Symptome nach und seine Kräfte kehrten zurück. Dann erhielt er die Nachricht, auf die zu hoffen er beinahe aufgegeben hatte.
„An dem Tag, an dem mir gesagt wurde, dass ich geheilt sei, fühlte ich etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt. Es war, als wäre ich neu geboren worden.“
Seine Genesung veränderte seine Sicht auf die Krankheit und das Behandlungszentrum grundlegend.
„Mir wurde klar, dass alles, was ich über das Ebola-Behandlungszentrum gehört hatte, falsch war. Die Realität war völlig anders als die Gerüchte.“


Vom Überlebenden zum Fürsprecher
Nach seiner Genesung erfuhr Alain, dass auch mehrere Mitglieder seiner Familie dem Virus ausgesetzt gewesen waren. Wie Alain zunächst selbst, zögerten auch sie, sich im Behandlungszentrum behandeln zu lassen.
Also beschloss er, ihnen von seinen eigenen Erfahrungen zu erzählen.
„Ich sagte ihnen: Schaut mich an. Ich lebe. Wenn dieses Zentrum Menschen töten wollte, würde ich heute nicht hier vor euch stehen. Ich erzählte ihnen, was ich gesehen hatte – von der Qualität der Versorgung, der Aufmerksamkeit des Personals und den Behandlungen, die ich erhalten hatte. Ich wollte die Angst durch die Wahrheit ersetzen.“
Sein Erfahrungsbericht überzeugte fünf Mitglieder seiner Familie, sich behandeln zu lassen. Alle fünf überlebten.
„Als ich sah, wie meine Familienmitglieder einer nach dem anderen geheilt das Zentrum verließen, verstand ich, dass meine Geschichte Leben gerettet hatte. Darauf werde ich immer stolz sein.“
Sie gehören zu den mehr als 40 Menschen, die bislang genesen aus dem Ebola-Behandlungszentrum in Katwa entlassen werden konnten.
Heute setzt Alain sein Engagement für die Aufklärung über Ebola fort.
„Gerüchte können genauso tödlich sein wie eine Krankheit. Manche Menschen sterben, weil sie aus Angst zu spät in die Behandlungszentren kommen.
Wenn du krank bist, lass dich schnell behandeln. Ich habe Ebola überlebt, weil ich schließlich gelernt habe, den Gesundheitsfachkräften zu vertrauen, die mein Leben retten wollten.
Ich konnte meinen Bruder nicht retten. Aber durch seine Geschichte habe ich fünf Mitgliedern meiner Familie geholfen, sich frühzeitig behandeln zu lassen. Die Erinnerung an ihn gibt mir heute die Kraft, darüber zu sprechen.“
In einer Region, die von Ebola schwer gezeichnet ist, erinnert Alains Geschichte an eine entscheidende Wahrheit: Manchmal besteht der erste Schritt zur Heilung darin, die eigene Angst zu überwinden.
Medairs Arbeit im Rahmen der Ebola-Bekämpfung in der Demokratischen Republik Kongo wird durch die finanzielle Unterstützung des US-Außenministeriums, des Humanitären Fonds für die DR Kongo, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), der Europäischen Union, der Glückskette sowie großzügiger privater Spenderinnen und Spender ermöglicht.
Dieser Artikel wurde durch Mitarbeitende von Medair vor Ort und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die darin vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Organisationen übertragbar.
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