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Lebensrettende Hilfe: Wenn die Hoffnung stärker ist als der Verlust

2026-08-13
von Medair
Jordanien
Erfahren Sie, wie Medair eine Familie von Geflüchteten in Jordanien unterstützt

Im Jahr 2014 floh Mohammed, ein syrischer Geflüchteter, mit seiner Familie nach Jordanien, um ihnen Sicherheit zu bieten. Seine Familie trat eine monatelange, beschwerliche Reise zu Fuss an. Von Angst und Erschöpfung getrieben, zogen sie weiter, bis sie schliesslich die Grenze nach Jordanien überquerten – auf der Flucht vor der Krise in Syrien, auf der Suche nach Sicherheit und einer Überlebenschance.

«In Syrien ist alles verloren. Wir haben dort nichts mehr. Keine Arbeit, kein Zuhause, nichts. Nur Erinnerungen. Das Einzige, was wir bei uns hatten, als wir gingen, waren die Kleider, die wir am Leib trugen», so Mohammed.

In Jordanien mussten Mohammed und seine Familie ihr Leben aus dem Nichts neu aufbauen. Mohammed arbeitete auf dem Bau und nahm jeden Job an, den er finden konnte, um zumindest die Grundbedürfnisse seiner Familie zu decken. Doch die steigenden Lebenshaltungskosten und die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen wurden ihm schliesslich zu viel.

Bald häuften sich die Schulden, doch er weigerte sich aufzugeben. Seine Liebe zu seiner Familie trieb ihn an, weiterzumachen, egal wie schwer es auch wurde. «Heute besteht meine Familie aus meiner Frau und sechs Kindern. Sie sind das Kostbarste, was ich habe, und ich würde alles für sie tun.»

Das Leben wurde 2025 noch schwieriger, als die Familie Zwillinge zu früh zur Welt brachte. Ihr kleines Mädchen überlebte nicht, während Ahmad, der kleine Junge, aufgrund seiner Frühgeburt mit schweren gesundheitlichen Komplikationen zur Welt kam. Das schwerste Problem war eine Netzhautablösung, die dazu führte, dass er auf beiden Augen das Augenlicht verlor.

Seit Ahmads Geburt begleitet Medair die Familie dabei, Zugang zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung zu erhalten, und steht ihr in einigen ihrer schwierigsten Momente bei.

«Unsere kleine Tochter zu verlieren, war schrecklich. Es war wirklich schwer mitanzusehen, wie auch unser kleiner Sohn sein Augenlicht verlor. Ich war erschüttert, als der Arzt mir sagte, dass Ahmad nichts mehr sehen könne», so Alia, Ahmads Mutter.

Von diesem Moment an begann für die Familie eine lange und kräftezehrende Reise zwischen Gesundheitseinrichtungen, Wartezimmern und unbeantworteten Fragen. Ahmad unterzog sich mehreren Operationen, um das Sehvermögen auf einem Auge wiederherzustellen. Einige Eingriffe wurden in öffentlichen Spitälern durchgeführt, doch die spezialisierte Netzhautoperation, die Ahmad benötigte, war dort nicht möglich. Sein Vater hatte keine andere Wahl, als sich an ein privates Spital zu wenden, wo er Schuldscheine unterzeichnete und hohe Geldsummen lieh.

«Über einen Monat lang suchte ich nach einem Spital, das die Operation durchführen würde. Private Spitäler wollten uns ohne Bezahlung nicht aufnehmen, und mir blieb nichts anderes übrig, als Schuldscheine zu unterschreiben», so Mohammed.

Diese Monate waren körperlich und seelisch unerträglich. Ahmad wurde zwischen mehreren Spitälern hin- und herverlegt, während seine Mutter Tag und Nacht an seiner Seite blieb. Was sie aufrechthielt, war die Hoffnung, dass Ahmad eines Tages wieder sehen kann. Obwohl die Operationen etwas Hoffnung gaben, bleibt Ahmads weiterer Behandlungsbedarf ungewiss.

«Ich war 15 Tage lang mit Ahmad im Spital. Er wurde zwischen mehreren öffentlichen Spitälern hin- und herverlegt, aber keines davon konnte seine Operation durchführen. Es war körperlich und seelisch erschöpfend», so Alia.

Trotz allem ändert sich die Stimmung im Haus in dem Moment, in dem Ahmad aufwacht. Seine Geschwister stürmen auf ihn zu, lachen, spielen und versuchen, ihn zum Lächeln zu bringen – als wollten sie ihm die Welt zeigen, die er nicht sehen kann.

«Ahmads Operation ist mir wichtiger als alles andere. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er uns sehen kann. Dass er seine Brüder und seine Schwester sehen kann», so Mohammed.

 

Ahmad schläft ©Medair/Salsabeel Hanatleh

Das Team von Medair war von Anfang an für Ahmad da und hat ihn und seine Familie in einigen ihrer schwierigsten Momente begleitet. Die Unterstützung umfasste die Entbindung per Kaiserschnitt im März 2025 sowie die Aufnahme von Ahmad und seiner frühgeborenen Zwillingsschwester, die bereits in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, auf die Neugeborenen-Intensivstation.

Nach seiner ersten Einweisung wurde Ahmad aufgrund schwerwiegender gesundheitlicher Probleme mehrfach erneut stationär aufgenommen – darunter ein Atemnotsyndrom, schwere Atembeschwerden, Herzkomplikationen und weitere akute Beschwerden. Die Unterstützung durch Medair war für die Familie eine Rettungsleine: Sie milderte die finanzielle Belastung und stellte sicher, dass Ahmad rechtzeitig die lebensrettende medizinische Versorgung erhielt, die er brauchte.

«Medair hat mir eine riesige Last von den Schultern genommen. Ohne diese Unterstützung wäre unsere Situation viel schwieriger geworden. Sie haben mir geholfen, die Behandlung meines Sohnes fortzusetzen», so Mohammed.

Doch während Ahmads medizinischer Bedarf weiterhin bestand, wurde die finanzielle Lage der Familie zunehmend schwieriger. Der Familie droht nun wegen unbezahlter Miete die Zwangsräumung, was ihre ohnehin belastete Situation noch weiter verschärft. Das Gesundheitsteam von Medair verwies die Familie deshalb an die Abteilung für Grundbedürfnisse, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. So konnte ein Teil der angehäuften Schulden abgebaut und der unmittelbare finanzielle Druck etwas gemildert werden.

Das bereitet Mohammed grosse Sorgen: «Ich kann nirgendwo hin. Niemand leiht mir mehr Geld, und jetzt will der Vermieter, dass wir ausziehen. Ich habe Angst, dass ich mit meinen Kindern auf der Strasse lande.»

Dr. Mohammad Bany Ali, Gesundheitsbeauftragter, und Mohammed, Ahmads Vater ©Medair/Salsabeel Hanatleh

Trotz allem Schmerz und aller Ungewissheit bleibt die Familie eng miteinander verbunden. Ihre Kraft schöpfen sie voneinander und aus der Liebe, die sie füreinander empfinden – besonders für Ahmad. Am deutlichsten zeigt sich diese Liebe bei seinen Brüdern. Vor allem bei Salah, der nie von seiner Seite weicht.

«Es war extrem schwer. Meinen Bruder in diesem Zustand zu sehen, war unerträglich», so Salah, bevor ihn die Emotionen überwältigen und er nicht mehr weiterreden kann. Seine Mutter fügt hinzu: «Salah hängt am meisten an Ahmad. Er füttert ihn, spielt mit ihm, spricht ständig mit ihm und lässt ihn nie allein.»

Trotz allem geben Mohammed und seine Familie die Hoffnung nicht auf: die Hoffnung, dass das Leben besser wird. Dass Ahmad eines Tages sein Augenlicht wiedererlangen wird. Ihre grösste Angst ist nicht Armut oder Verschuldung, sondern dass Ahmad in einer Welt aufwachsen wird, die er nicht sehen kann.

«Ich habe schon früher Trauer und Angst erlebt, aber nichts ist vergleichbar mit meiner Trauer und Angst um Ahmad», so Alia.

Medair leistet in Jordanien mit Unterstützung des Auswärtigen Amts lebenswichtige Hilfe. Gemeinsam begleiten wir besonders schutzbedürftige Haushalte von Geflüchteten und helfen ihnen, die anhaltenden Hindernisse beim Zugang zu lebensrettender Gesundheitsversorgung und Notfallbehandlung zu überwinden, wenn es darauf ankommt.

Dieser Artikel wurde durch Mitarbeitende von Medair vor Ort und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die darin vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Organisationen übertragbar.

2026-08-13
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